Abschiedsspiel für Jörg Roßkopf: Volle Ränge, tolle
Stimmung, knisternde Spannung - so werden wir hoffentlich auch 2010/11
die Liga häufig erleben (Foto: Roscher).
Borussia Düsseldorf, der "FC Bayern des deutschen
Tischtennissports", sollte auch ohne Seiya Kishikawa das Maß aller Dinge
bleiben, zumal mit Vize-Mannschaftsweltmeister Patrick Baum und dem
Ungarn Janos Jakab starkes Personal ins Rheinland geholt wurde. An der
Bande wird künftig Ex-Borussia-Spieler Danny Heister das Sagen haben.
Wenn Megastar Timo Boll pausiert, was vertragsbedingt in der Punktrunde
nicht selten der Fall sein wird, ist der Rekordmeister trotz aller
Klasse nicht ganz unverwundbar. Allerdings ist der Erfolg der
Rheinländer nicht nur am Weltranglistendritten festzumachen, auch
Christian Süß überzeugte letzte Saison auf ganzer Linie. Die Borussia
geht favorisiert in alle drei Wettbewerbe, wenngleich in der Champions
League mit Orenburg und Jekaterinburg („UMMC“) starke Konkurrenz aus
Russland am Start sein wird.
Vize-Champion TTF LIEBHERR Ochsenhausen präsentiert
eine ganz frische, junge und hoch motivierte Truppe. Nur Tiago Apolonia
blieb bei den Oberschwaben, die dessen Landsmann Marcos Freitas aus
Jülich und natürlich den letzte Saison so glänzend aufgelegten Seiya
Kishikawa unter Vertrag nahmen. Zudem gelang es, mit dem
EM-Viertelfinalisten Ruwen Filus einen deutschen Abwehrkünstler mit
guten Perspektiven zu verpflichten. Es ist Trainer-Ass Anders Johansson
zuzutrauen, aus diesem Quartett ein Team zu formen, das auf Anhieb
wieder ganz oben mitspielt. TTF-Chef Rainer Ihle ist
von der neuen Mannschaft überzeugt: „Wir sind nicht schwächer
besetzt als letzte Saison. Wir wollen erneut die
Meisterschafts-Play-Offs, das Pokal-Final-Four und das Viertelfinale der
Champions-League erreichen.“
Europapokal-Finalist TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell strebt
Ähnliches an und wird sich – im Gegensatz zu sämtlichen Konkurrenten –
ausschließlich mit dem bewährten Personal präsentieren. Der grandiose
chinesische Defensivcrack Wang Xi, der längst in der Rhön heimisch
geworden ist, soll erneut den Takt angeben. Sollten die beiden Schweden –
Jan-Ove Waldner und Robert Svensson – wieder in die Erfolgsspur
gelangen, steht einer Wiederholung der tollen Saison 2009/10 wenig im
Wege. Überhaupt wird es interessant sein, ob Tischtennis-Genie Waldner
auch im stolzen Alter von dann 45 Jahren nochmals Gas geben kann. Das
begeisterungsfähige osthessische Publikum dürfte wieder seinen Teil zum
Gelingen der „Mission Maberzell“ beitragen.
Im Westerwald hat sich Einiges getan. Nunmehr fungiert Anton Stefko
beim Play-Off-Halbfinalisten TTC Zugbrücke Grenzau als
hauptverantwortlicher Trainer, assistiert von Ex-Chefcoach Chen Zhibin
und Spieler-Routinier Lucjan Blaszczyk. Die Mannschaft wurde mit dem
international erfahrenen Österreicher Robert Gardos und Kenji
Matsudaira, der doch noch seinen Profivertrag im Brexbachtal erhielt,
gut verstärkt. Insgesamt könnte man - trotz des Weggangs von Patrick
Baum - sogar einen Tick stärker aufgestellt sein als in der abgelaufenen
Saison. Play-Off-Teilnahme und Final Four scheinen realistische Ziele
zu sein, zudem will man endlich wieder in der Champions League für
Furore sorgen.
Nur ganz knapp hatte der bärenstarke Aufsteiger 1. FC
Saarbrücken die Meisterschafts-Play-Offs verpasst. Und nun
wurde die Qualität der Mannschaft nochmals erhöht: Zu „Leader“ Bojan
Tokic gesellen sich Nationalspieler „Basti“ Steger und der spielstarke
Portugiese Joao Monteiro, der bereits in Ochsenhausen Bundesligaluft
schnuppern konnte und zuletzt in Castelgoffredo in der europäischen
Königsklasse glänzte. Hat der Traditionsverein aus dem Saarland,
Bundesligagründungsmitglied 1966/67, sein neues „Dream Team“ gefunden?
Gleich der Saisonauftakt am 28. August bei Triple-Sieger Düsseldorf wird
einen ersten Fingerzeig geben, wie weit nach oben die Reise diesmal
gehen könnte.
Ein heißer Play-Off-Anwärter dürfte erstmals aber auch der SV
Werder Bremen sein. Mit seinem Landsmann Adrian Crisan hat
Trainer Cristian Tamas einen Hochkaräter an die Weser gelotst. Der
Weggang von Taku Takakiwa dürfte angesichts der prominenten Neuerwerbung
gut zu verkraften sein. Mit Crisan, dem kampfstarken Schweden Jens
Lundquist und Dauerbrenner Lars Hielscher sowie Adrian Dodean in der
Hinterhand werden die Norddeutschen eine Truppe ins Rennen schicken, die
erst einmal bezwungen werden will. Sollte die ambitionierte
Werder-Mannschaft von Verletzungspech verschont bleiben, ist ihr diesmal
eine Menge zuzutrauen.
Zunächst sah es so aus als würde der SV Plüderhausen einen
personellen Aderlass hinnehmen müssen – Jörgen Persson zog es zurück
nach Schweden und Jakub Kosowski hatte frühzeitig in Frickenhausen
angeheuert. Doch dann kam doch noch alles in Lot: Der fast schon
verloren geglaubte „Local Hero“ Aleksandar Karakasevic blieb im Remstal,
zudem konnte man „Heimkehrer“ Leung Chu Yan, den Tschechen Jiri Vrablik
und das 19-jährige DTTB-Talent Philipp Floritz unter Vertrag nehmen.
Mit Trinko Keen heuerte schließlich ein routinierter Bundesligaspieler
als „Mann für besondere Fälle“ an.
Auch wenn die TG 1837 Hanau Chiang und Filus abgab und
Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf seine aktive Karriere beendete,
scheint man beim letztjährigen Seiteneinsteiger und Gönnern-Erben die
Qualität des Kaders erhöht zu haben. Aus Jülich kam Spitzenspieler Yang
Zi an die Kinzig, aus dem französischen Angers der
Champions-League-erprobte „Hanauer Bub“ Thomas Keinath. Der in der
Rückrunde bärenstarke Steffen Mengel und Megatalent Patrick Franziska
komplettieren das Team der Brüder-Grimm-Städter, die gerade die
europaweit renommierte Trainingsgruppe Helmut Hampls von Höchst im
Odenwald nach Hanau verlegen, wo künftig sämtliche Spieler leben und
trainieren werden. Mit einem "Lauf" könnte man sogar ans Tor zu den
Play-Offs anklopfen, bei Verletzungspech oder Formschwäche wichtiger
Akteure sich aber auch erneut im Abstiegskampf wiederfinden. Damit
rechnet Teammanager Johannes Herrmann aber nicht, der
sich ziemlich sicher ist, dass seine Hanauer „mit den Abstiegsrängen
diesmal nichts mehr zu tun haben“ werden und als Ziel einen
Mittelfeldplatz ausgibt.
Aufsteiger TTC Ruhrstadt Herne bereichert die Liga
durch zwei besonders interessante Akteure, der eine debütiert in Europa,
der andere zählt seit Jahren zu den beliebtesten Spielern des
Kontinents. Aus der chinesischen Superliga wurde der 22-jährige
Linkshänder Zhou Bin verpflichtet, der schon äußerst namhafte Asiaten
bezwungen hat. Mit dem Tschechen Petr Korbel – zuletzt einer der
Leistungsträger des Königsklassen-Finalisten Charleroi – wurde ein
Bundesliga-Heimkehrer unter Vertrag genommen, von dem man trotz seiner
38 Jahre noch vorzeigenswerte Leistungen erwarten darf. Die „Schalker“
dürften mit dieser Truppe eigentlich kaum etwas mit dem Abstiegskampf zu
tun haben.
Anders verhält es sich vermutlich beim TSV Gräfelfing,
der zum zweiten Mal nach 2004/05 sein Glück im Oberhaus versucht. Man
möchte den verdienten, erfolgreichen Zweitligaspielern die Chance geben,
sich zu beweisen. Allerdings hat man sich eine ganz exotische, externe
Nummer eins geangelt. Mit dem international äußerst erfahrenen Kamal
Sharath Achanta wird erstmals ein Inder in der deutschen Bundesliga
aufschlagen, dem durchaus eine ordentliche Bilanz in der starken Liga
zugetraut wird. Zuletzt schlug Achanta im Finale der US Open seinen
künftigen Hanauer Widersacher Keinath. Die Bayern gehen zweifellos als
„Außenseiter vom Dienst“ in die Saison, werden es ihren Kontrahenten
aber in jeder Partie so schwer wie möglich zu machen versuchen – wer sie
auf die leichte Schulter nimmt, ist selbst daran schuld.
Rasch noch einige Sätze zu zwei renommierten Klubs, die kommende Saison
nicht in der DTTL vertreten sein werden, auch wenn ihre Namen gemeinhin
mit Spitzentischtennis in Deutschland in Verbindung gebracht werden.
Nach 33 Jahren (!) in der 1. Tischtennis-Bundesliga zog es den TTC
indeland Jülich, der im Oberhaus große Spieler präsentiert und
große Spiele gezeigt hat, in die 2. Liga, in deren Nordgruppe eine
stark verjüngte, perspektivenreiche Truppe aufschlagen wird. Die
Entscheidung stand schon länger fest, obwohl man bis zum letzten
Spieltag den sportlichen Klassenerhalt hätte schaffen können. Vielleicht
kommt es ja in absehbarer Zeit zu einem Wiedersehen. Wie heißt es so
schön in dem gleichnamigen Song: „Niemals geht man so ganz ...“.
Dass der TTC matec Frickenhausen nach verpatzter
Rückrunde 2009/10 diesmal eine „Ehrenrunde“ in der 2. Bundesliga drehen
muss, ist für den Deutschen Meister der Jahre 2006 und 2007 fraglos
bitter. Bei Spielern wie Torben Wosik, Jakub Kosowski oder Krisztian
Nagy deutet jedoch einiges darauf hin, dass der „Tälesklub“ - trotz
starker Konkurrenz im Süden - schon 2011/12 wieder ganz oben mit dabei
sein wird.
Die zehn Teams der Eliteklasse 2010/11 und ihre Fans dürfen sich
dagegen aus gutem Grund auf den Startschuss zur Saison freuen, der am
letzten August-Wochenende erfolgt. Man braucht kein Prophet zu sein, um
davon auszugehen, dass es vom ersten Spieltag an wieder richtig zur
Sache gehen wird und die Freude der Sieger wie die Trauer der Besiegten
einmal mehr ganz dicht beieinander liegen werden. Eine sportlich
hochklassige und emotionale Saison steht in der stärksten Liga Europas
zu erwarten.
DTTL-Mediendienst; Dr. Stephan Roscher